Die germanische Dichtung (bis Mitte 8. Jahrhundert)


 
Textbeispiele: 

Blatt aus der gotischen Bibelübersetzung des Bischofs Ulfilas (um 500)


Blatt aus dem  Hildebrandlied
(geschrieben um 800 n. Chr.)
 
 

TEXT: 

Ik gihorta dat seggen,
ðat sih urhettun      ænon muotin,
Hiltibrant enti Haðubrant      untar heriun tuem.
sunufatarungo       iro saro rihtun,

garutun sê iro guðhamun,       gurtun sih iro suert ana,
helidos, ubar hringa      do sie to dero hiltiu ritun.
Hiltibrant gimahalta,      Heribrantes sunu,   -   her uuas heroro man,
ferahes frotoro -       her fragen gistuont
fohem uuortum,      hwer sin fater wari

fireo in folche,      . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . .      «eddo hwelihhes cnuosles du sis.
ibu du mi ?nan sages,      ik mi de odre uuet,
chind in chunincriche.      chud ist mi al irmindeot.»
Hadubrant gimahalta,       Hiltibrantes sunu:

«dat sagetun mi      usere liuti,
alte anti frote,       dea érhina warun,
dat Hiltibrant hætti min fater:       ih heittu Hadubrant.
forn her ostar giweit,      floh her Otachres nid,
hina miti Theotrihhe       enti sinero degano filu.

her furlaet in lante       luttila sitten,
prut in bure      barn unwahsan,
arbeo laosa.      her raet ostar hina.
des sid Detrihhe      darba gistuontun
fateres mines:      dat uuas so friuntlaos man.

her was Otachre      ummet tirri,
degano dechisto      miti Deotrichhe.
her was eo folches at ente:      imo was eo fehta ti leop.
chud was her      chonnem mannum.
ni waniu ih iu lib habbe.» -

«wettu irmingot», quad Hiltibrant      obana ab heuane,
dat du neo dana halt       mit sus sippan man
dinc ni gileitos!»
want her do ar arme      wuntane bauga,
cheisuringu gitan,      so imo se der chuning gap,

Huneo truhtin:      «dat ih dir it nu bi huldi gibu.»
Hadubrant gimahalta,       Hiltibrantes sunu:
«mit geru scal man      geba infahan,
ort widar orte. 
du bist dir, alter Hun,       ummet spaher;

spenis mih mit dinem wortun,      wili mih dinu speru werpan.
pist also gialtet man,      so du ewin inwit fortos.
dat sagetun mi       s?olidante
westar ubar wentils?o,      dat inan wic furnam:
tot ist Hiltibrant,       Heribrantes suno.»
 
 

Hiltibrant gimahalta,       Heribrantes suno:
«wela gisihu ih      in dinem hrustim,
dat du habes heme       herron goten,
dat du noh bi desemo riche      reccheo ni wurti. -
welaga nu, waltant got», quad Hiltibrant,      «wewurt skihit!

ih wallota sumaro enti wintro       sehstic ur lante,
dar man mih eo scerita      in folc sceotantero.
so man mir at burc ?nigeru      banun ni gifasta.
nu scal mih suasat chind      suertu hauwan,
breton mit sinu billiu,      - eddo ih imo ti banin werdan.
 

doh maht du nu aodlihho,      ibu dir din ellen taoc,
in sus heremo man      hrusti giwinnan,
rauba birahanen,       ibu du dar enic reht habes.» -
«der si doh nu argosto», quad Hiltibrant,      «ostarliuto,
der dir nu wiges warne,       nu dih es so wel lustit,

gudea gimeinun:      niuse de motti
hwerdar sih hiutu      dero hregilo rumen muotti,
erdo desero brunnono      bedero uualtan!»
do luttun se ærist      asckim scritan,
scarpen scurim,      dat in dem sciltim stont.

do stoptun to samane       staimbort chludun,
heuwun harmlicco      huitt? scilti,
unti im iro lintun      luttila wurtun,
giwigan miti wabnum       . . . . . . . . . . .

ÜBERSETZUNG:

Ich hörte das sagen, 
dass sich Herausforderer einzeln abmühten: 
Hildebrand und Hadubrand zwischen zwei Heeren.
Sohn und Vater bereiteten ihre Rüstung,
 

richteten ihre Kampfgewänder, gürteten sich ihre Schwerter um,
die Helden, über die Rüstung, als sie zu dem Kampf ritten. 
Hildebrand sagte, Heribrands Sohn, er war der ältere Mann,

des Lebens erfahrener, er begann zu fragen,
mit wenigen Worten, wer sein Vater gewesen sei 
unter den Menschen im Volke... 
"...oder aus welchem Volke du bist 
wenn Du mir einen nennst, kenne ich die anderen 
Menschen im Reich, bekannt ist mir die ganze Menschheit". 
Hadubrand sagte, Hildebrands Sohn:

"Das sagten mir unsere Leute, 
alte und weise, die früher schon da lebten, 
dass Hildebrand mein Vater heiße, ich heiße Hadubrand. 
Vormals ist er nach Osten geritten, er  floh den Zorn Odoakers,
dorthin mit Dietrich und vielen seiner Kämpfer. 

Er ließ im Lande arm zurück 
die Frau in der Hütte und den unerwachsenen Sohn erblos: 
Er ritt nach Osten hin.
Deswegen erlitt seither Dietrich die Abwesenheit 
meines Vaters: Der war ein so freundloser Mann. 

Er zürnte Odoaker unmäßig, 
der liebste der Kämpfer Dietrichs. 
Er war immer an der Spitze des Heeres, ihm war immer der Kampf zu lieb,
Bekannt war er...den Tapfersten. 
Ich glaube nicht, daß er noch lebt..." 
 

"Weißt Du Gott", sprach Hildebrand, "oben vom Himmel,
dass du niemals solchermaßen verwandte Männer 
in eine Angelegenheit hast geraten lassen!"
Er wand sich dann von den Armen gewundene Ringe ab, 
aus kaiserlichem Gold gemacht, wie sie ihm der König gab, 
der Herrscher der Hunnen. "Das gebe ich dir nun aus Freundschaft!"
Hadubrant, Hildebrands Sohn, sagte:
"Mit dem Speer soll man Geschenke annehmen, 
Spitze gegen Spitze!
Du dünkst dich, alter Hunne, unmäßig schlau. 
 

Verlockst mich mit deinen Worten, willst deinen Speer nach mir werfen.
Du bist ein so alter Mann, wie du ewig Betrug im Sinn hast. 
Das sagten mir Seeleute, 
westlich über dem Ozean, dass ihn ein Kampf hinnahm: 
Tot ist Hildebrand, Heribrands Sohn!"
 

Hildebrand, Heribrands Sohn, sagte:
"Wohl sehe ich an deiner Rüstung, 
dass du daheim einen guten Herrn hast,
dass du in diesem Reich noch nie vertrieben wurdest. 
Wohlan, nun walte Gott, sagte Hildebrand, Unheil geschieht: 

Ich wanderte 60 Sommer und Winter außer Landes; 
wo man mich immer in das Heer der Kämpfer einordnete. 
Wenn man mir an jedweder Burg den Tod nicht beibringen konnte:
Nun soll mich das eigene Kind mit dem Schwerte schlagen, 
niederschmettern mit der Klinge, oder aber ich werde ihm zum Töter.
Du kannst wohl leicht -wenn deine Kraft (dir) ausreicht- 
von einem so alten Mann eine Rüstung gewinnen, 
Beute rauben, wenn du da irgendein Recht hast.
Der sei doch nun der feigste, sagte Hildebrand, von den Ostleuten,
der dir nun den Kampf verweigerte, wo es dich doch so sehr gelüstet,
nach gemeinsamem Kampf; (nun) versuche wer mag, 
wer von beiden heute das Gewand lassen muss 
und dieser Brünnen beider walten (wird)."
Dann ließen sie zuerst die Eschenlanzen bersten 
in scharfem Kampf, dass sie in den Schilden steckten. 
 

Da ritten sie gegeneinander, spalteten farbige Schilde, 
schlugen gefährlich auf weiße Schilde, 
bis ihnen ihre Lindenschilde zu Bruch gingen,
zerstört von den Waffen...


Merseburger Zaubersprüche  (Beispiel): 

Phol ende Uuodan           vuorun zi holza
du uuart demo Balderes volon         sin vuoz birenkit.
thu biguolen Sinthgunt,            Sunna era suister;
thu biguolen Frija,           Volla era suister,
thu biguolen Uuodan         so he uuola conda:
sose benrenki         sose bluotrenki         sose lidirenki:
ben zi bena,            bluot zi bluoda,
lid zi geliden,              sose gelimida sin!
 

Übersetzung:

Phol (Balder) und Wodan        fuhren zu Holze.
Da ward dem Fohlen Balders        sein Fuß verrenkt.
Da besprach ihn Sinthgunt,        Sunna, ihre Schwester,
Da besprach ihn Frija,        Volla, ihre Schwester,
Da besprach ihn Wodan,        wie er's wohl verstand,
So Beinverrenkung      wie Blutverrenkung      wie Gelenkverrenkung:
Bein zu Bein,        Blut zu Blut,
Gelenk zu Gelenk,        als ob sie geleimt wären.



                                                Das Vaterunser    (in gotscher Sprache; Bischof Ulfilas)

                                                  Atta unsar, thu in himinam, veihnai namo thein,
                                                  quimai thiudinassus theins, vairthai vilja theins, sve in himina,
                                                  jah ana airthai.
                                                  hlaif unsarana thana sinteinan gif uns himina daga.
                                                  jah aflet uns thatei skulans sijaima, svasve jah veis afletam
                                                  thaim skulam unsaraim
                                                  jah ni briggais uns in fraistubnjai; ak lausei uns af thamma ubilin.
                                                  unte theina ist thiudangardi jah mahts jäh vulthus in aivins, amen.
 
 

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